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Manifest des Körperlosen

Dies ist das Manifest des Körperlosen.
Der zukünftige Mensch ist nur noch Identität. Kein Körper hindert es daran. Der Körper ist unser Vermächtnis der Vergangenheit. Die reine Identität ist nur noch Geist. Im Geiste gibt es keine Geschlechter, kein Alter, kein Aussehen, keine Rassen, keine Herkunft, weder soziale Schichten, noch Behinderung. Die neuen Identitäten sind all das und damit nichts davon. Wir brauchen keine Wirtschaft mehr, keine Staat, keine Religion und keine Familie. Wir befinden uns nur noch virtuell. In der Virtualität geben wir unser weltliches Leben auf. Wir ziehen uns zurück in eine selbst geschaffene, neue Dimension. In ihr gibt es keine Gewalt, keinen Krieg, keine Krankheit und keine Zeit mehr. Wir sind bloße Einheiten verteilt in einer raumlosen Welt. Wir brauchen weder Nahrung, noch Kleidung, weder Medizin noch Polizei, keinen Konsum und keine Gesetze.
Das Körperlose Individuum kennt keine Äußerlichkeiten und keine Oberflächlichkeiten. Wir verweigern uns eines haptischen Daseins. Wir wollen nicht länger diskriminiert, benachteiligt, beurteilt oder selektiert werden. Wir wehren uns gegen Medizin, Biologie, Physik, Polizei, Staat und Mode. Wir verwehren und dem Zwang zu produzieren, etwas zu leisten oder Teil eines Ganzen zu sein. Wir sind nicht mehr erfolgreich, effizient, weder richtig noch falsch.
Das Körperlose kennt nur Individuen die alle gleich und alle verschieden sind.
Unsere Körper haben ausgedient, es gilt sie weg zu werfen. Unsere Existenz ist ewig und zugleich unbedeutend. Wir kennen keine Eitelkeit, keinen Neid und keine Sucht mehr. Wir verneigen uns vor unserer Vergangenheit und hören auf uns zu Reproduzieren, denn wir brauchen keine Reproduktion. Wir wollen nur noch sein.
Wir schließen niemanden aus und werden nichts Beschränken. Die Virtualität gibt uns die absolute Freiheit alles zu denken, alles zu wissen und nichts davon mehr formulieren zu müssen. Wir brauchen nur noch unseren Geist.

Wien, 11. Mai 2010

Aus: Neumann, Ben (2011) Körperbilder – Zwangsbilder.
Universität Wien. Philologisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät